Als ich das erste Mal von der Ivy Lee Methode gelesen habe, bekam ich sofort Bauchschmerzen. Schon der Satz „Sortiere die Aufgaben nach Priorität“ hat bei mir Schnappatmung ausgelöst. Die Vorstellung, abends festzulegen, was morgen am wichtigsten ist, und mich dann auch noch daran halten zu müssen, fühlte sich an wie eine Zwangsjacke.
Und genau deshalb wollte ich die Methode hier verbloggen. Damit du für dich entscheiden kannst ob diese Methode für dich passt und wie du solche klassischen Produktivitätsmethoden an uns kreative Chaotinnen angepasst werden können.
Kennst du das Gefühl? Du sitzt abends vor deinem Notizbuch und schreibst motiviert auf, was du morgen alles schaffen willst. Die Liste sieht überschaubar aus. Machbar. Du gehst zufrieden ins Bett. Und am nächsten Morgen schaust du auf diese Liste und denkst: „Was hab ich mir dabei gedacht? DAS soll ich heute alles machen? In DIESER Reihenfolge?“
Für uns kreative Chaotinnen? Nun ja. Kompliziert.
Inhaltsverzeichnis
Was ist die Ivy Lee Methode?
Die Geschichte dahinter ist fast zu schön, um wahr zu sein: 1918 soll der Produktivitätsberater Ivy Lee dem Stahlmagnaten Charles M. Schwab eine simple Methode verkauft haben, für umgerechnet hunderttausende Dollar. Warum? Weil sie so verdammt gut funktionierte.
Das Prinzip:
- Schreib am Ende des Arbeitstages die 6 wichtigsten Aufgaben für morgen auf
- Sortiere sie nach Priorität (die wichtigste zuerst)
- Am nächsten Tag arbeitest du die Liste von oben nach unten ab
- Erst wenn eine Aufgabe erledigt ist, gehst du zur nächsten
- Was nicht geschafft wurde, kommt auf die Liste für den nächsten Tag
Mehr nicht. Keine komplizierte Struktur, keine Apps und keine Kategorien. Einfach 6 Aufgaben, eine nach der anderen. (Bevor du jetzt entsetzt den Kopf schüttelst, lies weiter)
Warum funktioniert die Methode (theoretisch) so gut?
- Die Begrenzung auf 6 Aufgaben zwingt dich zur Priorisierung. Du kannst nicht alles aufschreiben. Du musst dich entscheiden: Was ist wirklich wichtig?
- Die Reihenfolge nimmt morgens die Entscheidungslast. Du musst nicht erst überlegen, womit du anfängst. Die Entscheidung hast du gestern schon getroffen.
- Eine Aufgabe nach der anderen verhindert Verzetteln. Kein Multitasking, kein Hin-und-Her-Springen. Du bleibst bei einer Sache, bis sie fertig ist.
- Die Vorbereitung am Vorabend gibt Klarheit. Du gehst mit einem Plan ins Bett und wachst mit einem Plan auf. Kein morgendliches „Was soll ich eigentlich heute machen?”-Chaos.
Klingt genial, oder?
Das Problem für kreative Chaotinnen: Wenn gestern und heute zwei verschiedene Welten sind
Und dann setzen wir uns hin, probieren die Methode aus und merken: Irgendwas passt nicht.
Problem 1: Was gestern wichtig war, fühlt sich heute komplett anders an. Du hast gestern Abend entschieden, dass der Newsletter Priorität 1 hat. Aber heute Morgen wachst du mit einer Idee für deinen Workshop auf, die JETZT raus muss. Der Newsletter? Fühlt sich plötzlich total unwichtig an.
Problem 2: „Erst A, dann B“ passt nicht zu unserem Gehirn. Unser Gehirn springt ständig. Manchmal haben wir morgens Energie für kreative Aufgaben, manchmal für Admin-Kram. Die starre Reihenfolge ignoriert das komplett.
Problem 3: Eine Aufgabe ist nicht gleich eine Aufgabe. „Newsletter schreiben“ kann 30 Minuten dauern oder 3 Stunden – je nachdem, ob du schon weißt, was du sagen willst, oder noch am Thema feilst. Die Methode behandelt alle Aufgaben gleich. Aber das sind sie nicht.
Problem 4: Die ewige Übertragung nervt. Was du heute nicht schaffst, wandert auf morgen. Und übermorgen. Und überübermorgen. Irgendwann schreibst du dieselbe Aufgabe zum fünften Mal auf und fühlst dich wie eine Versagerin. Dabei ist die Aufgabe vielleicht einfach gerade nicht dran.
Die Bullet Journal Connection: Warum schreibe ich das immer wieder auf?
Hier kommt übrigens eine richtig kluge Idee aus dem Bullet Journal von Ryder Carroll ins Spiel: Wenn du eine Aufgabe immer und immer wieder von einem Tag auf den nächsten überträgst, dann solltest du innehalten und dich fragen:
Warum ist diese Aufgabe noch da?
- Ist sie wirklich wichtig – oder fühlt sie sich nur so an?
- Habe ich Angst davor, sie anzupacken?
- Fehlt mir was, um sie zu erledigen (Zeit, Info, Energie)?
- Oder ist sie eigentlich gar nicht mehr relevant, und ich traue mich nur nicht, sie zu streichen?
Und: Wie oft will ich sie noch aufschreiben?
Diese Frage ist Gold wert. Denn manchmal ist die Antwort: „Gar nicht mehr.“ Und dann darfst du sie einfach löschen. Ohne schlechtes Gewissen.
Das Übertragen ist nicht dazu da, dich zu quälen. Es ist ein Reflexionstool. Ein „Moment mal, ist das noch aktuell?”-Check.
Wie du die Ivy Lee Methode für dich anpassen kannst
Die Methode muss nicht starr sein. Du darfst sie so verändern, dass sie zu dir passt:
1. Die Reihenfolge ist ein Vorschlag,nicht in Stein gemeißelt Schreib die Aufgaben auf, sortiere sie nach Priorität, aber erlaube dir morgens, die Reihenfolge zu ändern. Wenn deine Energie heute bei Aufgabe 3 ist, fang mit Aufgabe 3 an. Die Priorität von gestern ist nicht in Stein gemeißelt.
2. Nutze Kategorien statt starre Nummern Statt Aufgabe 1, 2, 3 kannst du auch in „kreativ“, „administrativ“ und „dringend“ unterteilen. Dann schaust du morgens: Wonach ist mir heute? Und arbeitest aus der passenden Kategorie.
3. Mach aus 6 Aufgaben 3+3 3 „Muss ich heute wirklich machen“-Aufgaben und 3 „Wäre schön, wenn“-Aufgaben. Das nimmt Druck raus und gibt dir gleichzeitig Optionen.
4. Frag dich bei jeder Übertragung: Will ich das noch? Wenn eine Aufgabe zum dritten Mal auf der Liste steht, halte inne. Ist sie wirklich wichtig? Oder quält sie dich nur? Vielleicht ist es Zeit, sie zu streichen oder anders anzugehen.
5. Schreib nicht die Aufgabe, sondern den ersten Schritt Statt „Website überarbeiten“ schreibst du: „3 Beispiele für neue Startseiten-Texte sammeln“. Das ist konkreter, machbarer und weniger überwältigend.
6. Erlaube dir auch mal keine Liste Manchmal brauchst du keine 6 Aufgaben. Manchmal reicht eine. Oder gar keine, weil du einfach reagieren musst, was der Tag bringt. Das ist okay.
Fazit: Die Methode dient dir, nicht umgekehrt
Die Ivy Lee Methode kann dir helfen, klarer zu priorisieren und fokussierter zu arbeiten. Aber sie ist kein Gesetz. Wenn die Liste von gestern heute keinen Sinn mehr ergibt, wirf sie über den Haufen. Wenn du eine Aufgabe zum fünften Mal aufschreibst und sie immer noch nicht machst, ist das kein Versagen – es ist ein Signal.
Hör auf das Signal. Frag dich: Warum ist das noch hier? Und wie oft will ich das noch aufschreiben?
Manchmal lautet die Antwort: Gar nicht mehr. Und das ist die befreiendste Antwort von allen.
Nutzt du Listen für den nächsten Tag? Mach den 5-Minuten-Check dann weißt du was überhaupt drauf soll.
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