Ich habe meine Geburt verbloggt, weil ich sonst daran zerbrochen wäre

von | Juli 17, 2025 | Persönliches | 4 Kommentare

Ich bin nicht die Frau, die ihren Kaiserschnitt einfach weggesteckt hat und beim nächsten Kaffeekränzchen lächelnd sagt: „Hauptsache, das Kind ist gesund.“ Ich bin eine Frau, die ein Trauma erlebt hat und sich das inzwischen nicht mehr wegreden lässt – auch wenn es lange genug versucht wurde. Und ja: Ich habe meine Geburt verbloggt. Damals, kurz nachdem es passiert war, weil ich wusste, dass ich sonst daran zerbrochen wäre.

Wie alles begann und wie es nicht hätte laufen sollen

Um 3:40 Uhr ist die Fruchtblase geplatzt, und ich hatte einen Plan. Einen wirklich sehr ausgearbeiteten Geburtsplan, weil ich selbstbestimmt gebären wollte und mir zumindest das angelesen hatte, was ich mir durch den verpassten Geburtsvorbereitungskurs selbst beigebracht hatte. Auf der Fahrt ins Krankenhaus kamen die ersten Wehen, und ich sagte zu meinem Partner: „Wenn das so bleibt, wird das ein Kinderspiel.“ Das war mein erster und letzter Moment echter Zuversicht an diesem Tag.

Was folgte, war das genaue Gegenteil von dem, was ich mir vorgestellt hatte: ignorierte Hinweise, übergriffige Untersuchungen, ein Schmerzmittel, das nur bei der „guten“ Wehenart wirkte, während die andere Sorte einfach blieb, und Personal, das ratlos wirkte, als wäre eine Geburt in einem Kreißsaal eine unerwartete Wendung. Ich fühlte mich wie in einem medizinischen Theaterstück, bei dem alle improvisierten, nur dass ich nicht lachen durfte.

Schmerz, Scham, Stillstand

Es gab Momente, die sich tief eingebrannt haben, nicht weil sie laut waren, sondern weil sie so selbstverständlich passierten. Die Spritze, die nichts half. Die Badewanne, aus der ich fast gestürzt wäre. Dann der Metalltunnel-Test, das zur Überprüfung der kindlichen Werte in mich hineingeschoben wurde, obwohl meine Hebamme im Vorgespräch bereits gesagt hatte, dass der Kleine noch gar nicht tief genug saß – was offenbar niemanden interessiert hatte. Schlimmer als die Wehen, hat aber auch nichts gebracht.

Die PDA wurde schließlich unter laufender Wehe gelegt, und der junge Mann, der sie legte, war der einzige, der mir in diesem Moment sagte, dass ich gerade etwas Außergewöhnliches leiste. Dem Kleinen wurde viermal am Kopf Blut abgenommen, bevor er auch nur einen einzigen Atemzug getan hatte. Ich fand das damals schon bemerkenswert – im schlechtesten Sinne des Wortes.

Dann der Stillstand bei 7 cm, keine Wehen mehr, und der Kaiserschnitt. Begründung: Ich sei wohl „zu sportlich“. Den Nachtrag, dass mein Becken eh zu klein gewesen wäre, bekam ich irgendwann später, nachdem ich zwölf Stunden lang Wehen veratmet hatte. Danke, sehr hilfreich.🙄

Die Krönung: „Die Nippel sind nix.“

Nach der Geburt sollte eigentlich alles gut werden. Kind da, Mama erleichtert, erstes gemeinsames Foto, Vorhang. Stattdessen wollte ich Hilfe beim Stillen, bekam eine Dame, die meine Brust packte und den Kopf meines Kindes unsanft dagegen drückte, und als das erwartungsgemäß nicht funktionierte. Ich wurde mit den Worten „die Nippel sind nix” abgespeist und bekam einen Stillhut in die Hand gedrückt. Das war die Stillberatung.

Es ist dieser Mix aus körperlichem Schmerz, psychischer Erschöpfung und dem Gefühl, als Frau zu versagen, der sich wie ein Schleier über die erste Zeit mit meinem Kind gelegt hat.

Warum ich trotzdem darüber schreibe

Weil ich wusste, dass ich es sonst in mich hineinfressen würde, bis nichts mehr davon zu sehen ist – außer von innen. Also habe ich darüber geschrieben, ungefiltert und ehrlich, mit Humor, weil es ohne nicht gegangen wäre. Aber auch mit all der Wut und Überforderung, die ich zu dem Zeitpunkt kaum in Worte fassen konnte. Ich wollte nicht zu denen gehören, die lächeln und sagen: „Hauptsache gesund.“ Denn: Hauptsache gesund ist nicht alles, wenn die Mutter innerlich zerbricht.

Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, was andere dazu sagen würden, dass ich die Geburt verbloggt habe. Und was meine Kinder eines Tages denken werden, wenn sie diesen Artikel lesen. Am Ende hat überwogen, dass über Geburtstraumata noch immer viel zu wenig geredet wird und dass ich daran zumindest ein kleines bisschen etwas ändern kann.

Ich habe mir später den Geburtsbericht geben lassen und von der Hebamme meines zweiten Sohnes die Bestätigung bekommen, was ich schon geahnt hatte: dass wir zum Kaiserschnitt hin manipuliert wurden. Kaiserschnitte sind schneller erledigt und lukrativer. Überraschung.

Was sich verändert hat

Das Schreiben hat mich damals gerettet, weil es mir das Gefühl gegeben hat, wieder handlungsfähig zu sein, mitten in einem emotionalen Trümmerhaufen. Es war der erste Schritt zurück zu mir selbst – und gleichzeitig der erste Schritt zu dem, was ich heute mache.
Heute helfe ich anderen Frauen dabei, mit ihrem inneren Chaos umzugehen, nicht es zu unterdrücken, sondern es zu nutzen. Meine Geschichte ist ein Teil davon, weil sie mir die Überzeugung gibt, dass beides möglich ist: zerbrochen sein und wieder ganz werden.
Du bist nicht allein. Und du bist richtig so wie du bist.

Ich würde hier jetzt total gerne schreiben: Wenn du etwas Ähnliches erlebt hast und Hilfe beim Aufarbeiten brauchst, dann melde dich bei mir. Da ich leider noch keine Traumaberaterin bin, kann ich dir nur ein offenes Ohr leihen für einen Austausch von Mutter zu Mutter.

4 Kommentare

  1. Liebe Alexandra, bei solchen Berichten bin ich wieder froh, dass ich selbst keine Kinder habe. Für mich ist das echt der Horror, wie oft mit so vielen Frauen so verächtlich umgegangen wird. Während sie solche Hochleistungen bringen. Und da wundern sich manche dann, dass die Geburtszahlen so niedrig sind. Mal ganz abgesehen von der immer schlechteren Versorgungslage und wie Hebammen das Arbeiten finanzielle immer schwerer gemacht wird.

    Ich finde es stark, dass du das verbloggt hast. Jede Stimme, die diese Zustände öffentlich macht, ist wichtig. Damit andere Frauen nicht mehr glauben, sie müssten darüber schweigen. Und ich wünsche dir, dass du das für dich verarbeitet bekommst.

    Als ich 73 geboren wurde, ist das Krankenhauspersonal auch katastrophal mit meiner Mutter umgegangen. Und mir wird jetzt erst so richtig klar, in welchem Ausmaß das mich traumatisiert hat. Denn Kinder merken das ja auch. Umso wichtiger ist es, darüber zu sprechen und es mit Kindern so früh wie möglich aufzuarbeiten.

    Ganz liebe Grüße
    Angela

    Antworten
    • Liebe Angela,
      Ja, das stimmt, das nimmst du auch als Kind mit. So ging es mir mit meiner eigenen Zwillingsfrühgeburt auch. Da habe ich auch ganz viel mitgenommen und wohl auch entsprechend weitergegeben. Ich hatte das Glück, bei der Geburt von meinem zweiten Sohn, das Ganze für mich zu richten und alles komplett selbstbestimmt angehen zu können. Da lief zwar auch noch viel schief und es wurde wieder ein Kaiserschnitt, das habe ich aber alles bestimmt. Vielen Dank für deinen Kommentar.

      Herzliche Grüße Alexandra

      Antworten
  2. Liebe Alexandra,
    Nein – ich habe nicht so etwas Ähnliches erlebt und traue es mich kaum zu schreiben – aus Respekt und Achtung vor dem, was du und dein Kind erleben mussten! Es ist erschreckend, wieviele Frauen immer noch Übergriffe , Eingriffe, Gewalt (auch verbal) und Ähnliches erfahren haben oder immer noch erleben – ich interessiere mich schon lange für die Arbeit von Hebammen und für Frühpädagogik und Biographiearbeit. Empathiefähigkeit ist nicht “jedermanns” Stärke – aber besonders in solch sensiblen Phasen und im Umgang mit “in der Situation Abhängigen” einfach ein MUSS!!! Wieviel natürlicher könnten Kinder auf diese Welt kommen, wieviel mehr könnten sie sich “Willkommen” fühlen… 💞
    Es wird viel zu wenig darüber nachgedacht, wieviel Leid, Schmerz, Therapie vermeidbar wären – für Baby, Mutter und auch Vater – wenn wir von Anfang an – in jeder Beziehung – respektvoll miteinander umgehen würden.
    Ich danke dir, dass du deine Geschichte so offen teilst, hoffentlich lernen Menschen in KH und auch sonst ein bisschen schneller als bisher! 💞

    Antworten
    • Liebe Ulrike,

      ich freue mich über jede Mutter, die so etwas nicht erleben musste. Auch wenn bei mir da leider immer etwas Neid mitschwingt, dass mir das verwehrt wurde. Es ist mir leider auch unbegreiflich, warum wir in unserer Gesellschaft den Beruf der Hebammen und Doulas oder generell Pflegekräfte nicht besser behandeln. Jeder Mensch ist irgendwann davon abhängig, dass die Person gute Unterstützung bekommt. Aber entsprechend entlohnt oder geschult werden, das will keiner machen. Und du hast recht: Mehr Respekt, egal in welchem Lebensabschnitt, würde unsere Welt zu einem besseren Ort machen.

      Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert