Ein inspirierendes Gespräch über neurodivergente Produktivität, Selbstakzeptanz und den Mut, anders zu arbeiten
Ich hatte Antonia Ludwig schon lange auf meiner imaginären Interview-Wunschliste. Sie war Teil meiner Blogparade „Zeig deinen Schreibtisch“, und ihr Beitrag „Mein Schreibtisch, ein Saustall – und das ist gut so!“. Sie hat etwas ausgesprochen, das viele kreative Selbstständige nur heimlich denken: Man kann ordentlich sein. Muss man aber nicht.
Du kennst das bestimmt: Du sitzt vor deiner To-Do-Liste, hast dir fest vorgenommen, heute endlich systematisch abzuarbeiten, was ansteht und plötzlich findest du dich dabei wieder, wie du die Steuererklärung machst, die du seit Monaten aufschiebst. Nur das eine Projekt, das du dir vorgenommen hattest? Das bleibt liegen.
Antonia Ludwig, Psychologin und selbst eine „kreative Chaotin“, kennt dieses Gefühl nur zu gut. In unserem Gespräch teilt sie offen, wie sie gelernt hat, mit ihrem neurodivergenten Gehirn zu arbeiten statt dagegen und dabei erfolgreich ihre Psychologie-Praxis führt, ein Buch schreibt und Familie unter einen Hut bekommt.
Was Antonia zeigt, nennt man heute neurodivergente Produktivität, ein Ansatz, der anerkennt, dass manche Gehirne einfach anders arbeiten.
Inhaltsverzeichnis
Warum klassische Produktivitätsmethoden oft nicht funktionieren
„Termine für sich selbst im Kalender zu blocken funktioniert nicht, weil ich selbst bin keine groß genügende Verpflichtung.“
Antonia bringt es auf den Punkt: Was in Ratgebern steht, ist oft für Gehirne gemacht, die anders ticken als unsere. „Ich hatte auch eine Zeit lang, wo ich das versucht habe mit den klassischen Zeitmanagement-Ordnungsmethoden, weil ich es nicht besser wusste.”
Das Ergebnis? Frustration und das Gefühl, zu versagen. Dabei liegt das Problem nicht bei uns, sondern bei der Erwartung, dass alle Menschen gleich funktionieren müssen. Neurodivergente Produktivität bedeutet, Systeme zu entwickeln, die mit unserem Gehirn arbeiten, nicht gegen es.
Body Doubling: Warum Gemeinschaft der Gamechanger ist
Antonias wichtigste Erkenntnis: „Ich kann nicht alleine arbeiten.“ Und das ist vollkommen okay!
Ihre Lösung: Body Doubling in Coworking Spaces und virtuellen Büros. „Bei den Mompreneurs gab es mal eine Zeit, wo sich tatsächlich regelmäßig dieselben Menschen in einem virtuellen Büro trafen, Kamera an, Ton aus. Es war wirklich wie ein echtes Büro.“
Was sie besonders vermisst: Ein virtuelles Büro, das immer geöffnet ist, wo sich Menschen wie sie treffen können. „Man arbeitet auch mal um ein Uhr nachts und das wäre das Beste, wenn halt immer irgendwer da ist.“
Erkennst du dich wieder? Du bist nicht undiszipliniert, du brauchst vielleicht einfach andere Menschen um dich herum, um produktiv zu sein.
Die Kunst des kreativen Chaos: Mehrere Projekte parallel führen
Während andere predigen „Fokussiere dich auf eine Sache“, hat Antonia einen anderen Ansatz entwickelt:
„Ich brauche mehrere Projekte, zwischen denen ich hin und her hüpfen kann. Wenn ich mich auf eine Sache konzentrieren soll und mit dieser einen Sache dann nicht mehr vorankomme, dann komme ich überhaupt nicht mehr voran.“
Ihre Metapher: Stell dir ein Glas vor. Bei anderen fließt das Wasser aus einer großen Kanne hinein. Bei uns tropft es aus mehreren kleinen Quellen, aber das Glas wird trotzdem voll.
Der Trick: Alle Projekte sollten sich in einem großen Rahmen bewegen und zur Gesamtstrategie passen. Das ist neurodivergente Produktivität in Reinform: Statt linearer Abarbeitung nutzt sie die natürliche Tendenz ihres Gehirns zum Projekt-Hopping. So führt jedes „Herumhüpfen“ trotzdem zum Ziel.
Notion als stille Helferin im Hintergrund
Antonia nutzt Tools wie visuelle Timer, die Rote Liste (eine radikale Form von Priorisierung) und wünscht sich eigentlich eine modulare Selbstorganisationswand. Am liebsten nutzt sie Notion, aber anders als die meisten: „Ich würde niemals jeden Tag in so ein Produktivitätstool reinschauen. Da müsste ich mir das hier schon vor dem Gesicht kleben haben.”
Ihr System: Immer wenn sie eine Idee hat, kommt sie in Notion rein. „Was mir nicht böse ist, wenn ich zwei Monate nicht reingucke. Ich kann einfach weitermachen, wo ich aufgehört bin.”
Das Geheimnis: Ein System, das auch nach Pausen noch funktioniert, ohne dass du erst alles wieder aktualisieren musst.
Selbstakzeptanz: Der Schreibtisch darf chaotisch sein
„In meinem Kopf ist Chaos und wenn auf meinem Schreibtisch Ordnung ist, dann passt das nicht zusammen.”
Antonia hat gelernt, ihre kognitive Dissonanz zu akzeptieren. Ihren Kopf kann sie nicht aufräumen – „der ist halt so, wie er ist. Ich kann mir auch nicht auf einmal grüne Augen machen.”
Die Befreiung: Statt jeden Tag Energie darauf zu verschwenden, sich schlecht zu fühlen, akzeptiert sie ihr System. „Hier habe ich gestern aufgehört, alles schön, können loslegen.”
Grenzen setzen – auch bei sich selbst
Überraschend gut schafft Antonia es, Grenzen nach außen zu setzen. Bei ihren Kindern hat sie früh etabliert: „Morgens trinke ich meinen Tee in Ruhe und dann bin ich für euch da.”
Das Ergebnis: „Heute muss ich einfach nur sagen: Mein Tee ist noch nicht leer, und dann sind die weg.”
Ihr Argument: „Ich will nicht, dass meine Kinder lernen, dass man seine Bedürfnisse immer zurückstellt. Sie sollen sehen, dass man für seine Bedürfnisse einsteht.”
Die Persönlichkeitsinsel: Ein neues Modell für Produktivität
Antonia arbeitet an einem revolutionären Ansatz: weg von der „Treppe zum Erfolg“, hin zur „Persönlichkeitsinsel“.
„Wenn man das menschliche Leben betrachtet, wo kommt man denn da oben an bei der Treppe? Beim Sensenmann. Herzlichen Glückwunsch.”
Ihre Vision: Eine Insel mit verschiedenen topografischen Elementen, wie der „Impostor-Schlucht“, über die man irgendwann eine Brücke baut, statt immer wieder hinunterzuklettern.
Was wir von Antonia lernen können
1. Flexibilität ist kein Makel, sondern eine Stärke. „Alles, was nicht flexibel ist, funktioniert eh nicht.” Hör auf, dich in starre Systeme zu zwängen.
2. Body Doubling wirkt Wunder. Du musst nicht alleine kämpfen. Such dir deine Arbeitsfreunde, virtuell oder real.
3. Mehrere Projekte können sich gegenseitig befruchten. Solange sie alle in dieselbe Richtung zeigen, ist „Projekt-Hopping“ völlig okay.
4. Erwartungen loslassen befreit Energie. „Wir haben sowieso schon genug Erwartungen an uns selbst. Wir könnten ein paar davon loslassen.”
5. Chaotisch ist nicht kaputt. Dein System muss nicht aussehen wie das der anderen – es muss nur für dich funktionieren.
Der wichtigste Punkt: Du bist nicht alleine
„Ich glaube, das ist eine größere Motivation als Accountability. Einfach zu zeigen: Mach das einfach so, wie du denkst, und dann klappt das schon.“
Antonia macht Mut, laut zu denken und den eigenen Weg zu gehen. Sie zeigt: Man kann erfolgreich sein, ohne in die gängigen Produktivitätsmuster zu passen.
Ihre Botschaft an alle kreativen Chaotinnen: Darauf vertrauen, dass die chaotische Art und Weise, wie dein Alltag funktioniert, auch zu Ergebnissen führt. „Langsamer und nicht den Erwartungen von 70, 80 Prozent der Bevölkerung entsprechend, aber es kommen Ergebnisse.”
Was denkst du? Erkennst du dich in Antonias Geschichte wieder? Welcher Tipp hat bei dir den größten Aha-Moment ausgelöst? Teile deine Gedanken gerne in den Kommentaren, denn genau diese Gespräche bringen uns alle weiter.
P.S.: Antonia arbeitet übrigens an zwei Büchern zum Thema „Anders produktiv“. Wenn du auf die Warteliste möchtest, findest du sie (Link folgt). Manchmal lohnt es sich zu warten, besonders auf etwas, das wirklich verstanden hat, wie unser Gehirn tickt.

Huhu – vielen Dank für das Interview und den Artikel! Klingt auch witzig, nicht alleine arbeiten zu können, wenn man Solo-Selbstständig ist und gleichzeitig stimmt es halt: Gemeinsam jeder für sich, aber nicht allein arbeiten, klappt oft viel besser!
Ich prokrastiniere die Seite für die Warteliste vom Buch noch ein wenig (Überraschung) doch sobald das überwunden ist, melde ich mich!
LG Antonia