Ein inspirierendes Gespräch über Ideen sammeln ohne Druck, das Loslassen von starren Plänen und die Frage, ab wann man sich eigentlich Autorin nennen darf.
Ella hat mich aufgrund meines Interviewaufrufs angeschrieben und gefragt, ob sie geeignet sein könnte. Ich hab daraufhin ihren Blog durchgestöbert (ok eher gestalkt 🤣) und war sofort drin. Ihre Texte lese ich wirklich gerne, und vieles davon passt direkt auch zu kreativen Chaotinnen. Was mich von Anfang an begeistert hat: Sie schreibt, weil sie es liebt. Und das merkt man.
Inhaltsverzeichnis
Warum der Blog kam, bevor das Buch fertig ist.
Du kennst das bestimmt: Du hast dir vorgenommen, heute endlich an dem einen Projekt weiterzuarbeiten. Stattdessen überarbeitest du deinen Schreibtisch, schaust dreimal auf dein Handy und öffnest die Datei, nur um sie nach zehn Minuten wieder zu schließen. Dabei ist das Projekt oft gar nicht der Grund, das schlechte Gefühl danach schon.
„Ich habe das Bloggen schon länger aufgeschoben, weil ich immer dachte, erst wenn ich ein Buch fertig habe, habe ich auch etwas zum Zeigen.“
Ella hat lange mit genau dieser Logik gelebt: erst wenn das Buch fertig ist, hat sie auch etwas vorzuweisen. Erst dann darf sie als Autorin sichtbar werden. Irgendwann hat sie sich gefragt, warum eigentlich, und einfach angefangen. Der Blog ist heute ihr Trainingsgelände und gleichzeitig der Motor, der sie in Bewegung hält. Sichtbarkeit entsteht eben nicht nach dem fertigen Projekt, sondern auf dem Weg dorthin.
Kommt dir das bekannt vor? Diese Logik, die wir uns selbst erzählen: Erst wenn X, dann darf ich mit Y anfangen. Erst wenn das Produkt fertig ist, darf ich sichtbar werden. Erst wenn ich alles perfekt beherrsche, darf ich andere daran teilhaben lassen.
Das Ende der perfekten Planung
Ella hat es ausprobiert, das mit dem Durchplanen. Quartale, Monate, Wochen, alles fein säuberlich aufgedröselt.🙊 Und dann sagt sie etwas, das so ehrlich ist, dass es fast wehtut:
„Ich habe super viel Spaß an der Planung. Aber der Plan geht nie so auf, wie ich ihn vorher mache, und dann bin ich richtig doll frustriert, wenn ich ihn ändern muss. Am Ende verbringe ich viel mehr Zeit mit der Planung, als wirklich was zu machen.“
Wer kennt das nicht? Dieses herrliche Produktivitätsgefühl beim Planen, das sich in Luft auflöst, sobald die Realität nicht mitspielt. Ihr Gegenentwurf ist denkbar simpel: eine laufende Liste für Blogartikel, auf der alles landet, was sie irgendwann mal angehen will. Wenn sie dann am Blog arbeitet, schaut sie rein und fragt sich, worauf sie gerade Lust hat. Das klingt zu entspannt? Genau das ist der Trick.
To-Want statt To-Do
Ich geb’s zu: Listen stressen mich. Kaum steht etwas drauf, fühlt es sich sofort wie eine Verpflichtung an, und wenn ich am Ende des Quartals nichts abgehakt habe, nagt das schlechte Gewissen. Selbst meine To-Want-Liste schafft es regelmäßig, mich zu frustrieren.
Ella hat das komplett anders gerahmt. Für sie ist die To-Want-Liste wirklich nur ein „Was will ich?“, und wenn am Ende des Quartals etwas nicht geklappt hat, ist das schlicht nicht schlimm. Sie pickt sich raus, wonach ihr gerade ist, und was liegen bleibt, bleibt eben liegen, bis die Lust darauf kommt. Sie arbeitet, weil sie will, und das ist, so zeigt ihre Erfahrung, nachhaltiger als jeder starre Plan. Ich beneide sie ehrlich gesagt ein bisschen darum. 😅
Ideen sammeln, ohne den Kopf zu verlieren
Damit Ideen nicht einfach im Nirgendwo verschwinden, hat Ella ein denkbar einfaches System: alles kommt erstmal schnell in die Notizapp auf dem Handy, die mit Obsidian auf dem PC verknüpft ist. Erst schnell rein, dann in Ruhe sortieren.
„Ich sammle erstmal alles schnell in der Notizapp auf meinem Handy. Manchmal merke ich eine Woche später, dass eine Idee gar nicht so toll war wie im ersten Moment und das ist okay. Dann ist sie trotzdem irgendwo festgehalten und dümpelt nicht mehr im Hinterkopf rum.“
Ihr Werkzeug: Handy-Notizapp, verknüpft mit Obsidian am PC.
Drei Monate Schreibreflexion: Was passiert, wenn man hinschaut
Ella hat über drei Monate lang dokumentiert, was sie geschrieben hat. Ohne Leistungsdruck, einfach aus Neugier. Und was dabei rauskam, war vor allem eines: Erleichterung.
„Das war ehrlich gesagt ziemlich erleichternd. Ich hab gemerkt: Ich bin gar nicht so unproduktiv, wie ich immer dachte.“
Erkennst du dich? Diese Überzeugung, zu wenig zu tun, nicht genug zu schaffen und ständig hinterherzuhinken. Obwohl man eigentlich die ganze Zeit in Bewegung ist, kennt dieses Gefühl wohl jede kreative Chaotin irgendwie. Die Reflexion hat Ella gezeigt, was wirklich da ist. Und dass sie die drei Monate überhaupt durchgehalten hat, hat sie selbst überrascht.
Ihr Fazit: So eine Reflexion ist kein Dauermodus, denn sobald sie zum nervigen To-Do wird, verliert sie ihren Sinn. Aber als Zwischenstopp, um mal zu schauen wo man gerade steht, ist das einfach super.
Dranbleiben bedeutet nicht, jeden Tag zu liefern
„Überall heißt es: Du musst jeden Tag schreiben. Ich dachte lange, das kann ich nicht, das geht bei mir einfach nicht.“
Ella hat dieses Bild für sich aufgeweicht. Wenn sie alle zwei, drei Tage schreibt oder auch mal alle zwei Wochen, ist das trotzdem Dranbleiben. Regelmäßigkeit sieht nicht für alle gleich aus.
Was ihr dabei am meisten geholfen hat: sich zu erlauben, immer wieder neu anzufangen. Projekt A ist nicht verloren, nur weil zwei Wochen nichts passiert ist. Man muss es nicht beerdigen, man darf einfach wieder einsteigen.
Das klingt selbstverständlich, ist es aber für die wenigsten von uns. Viele machen aus einer Pause automatisch ein Scheitern. Ella zeigt, dass das eine Geschichte ist, die wir uns selbst erzählen, und dass wir sie auch ändern können.
Ab wann ist man Autorin?
Ella hat keinen Verlagsvertrag und keinen offiziellen Titel und nennt sich trotzdem Autorin, weil sie schreibt und weil ihr das reicht. Ich fand diese Antwort so ruhig und klar, dass ich sie einfach so stehen lasse.
„Schreiben macht mich zur Autorin, egal ob schon ein veröffentlichtes Buch existiert oder nicht. Und wenn ich mal wieder daran zweifle, versuche ich mich an diesem Satz festzuhalten.“
Warum es mehr Consent in Büchern braucht
Ich lese Dark Romance. Ich liebe diese Intensität, diese Spannung, diese Charaktere, die einen einfach nicht loslassen. Aber ich bin gleichzeitig der festen Überzeugung, dass es mehr Consent braucht. Mehr Geschichten, in denen Machtgefälle und dunkle Momente existieren dürfen, ohne dass Grenzen dabei romantisiert werden.
Ella schreibt genau das, sogenannten „Healthy Spice“.
„Ich bin über die letzten Jahre ein bisschen mehr ins Feminismus-Thema eingetaucht. Wir wissen heute viel mehr darüber und dann müssen wir das doch auch viel mehr in Geschichten abbilden.“
In einer Zeit, in der Frauen noch immer täglich gegen alte Machtstrukturen ankämpfen, braucht es Bücher, die zeigen, dass Intensität und Respekt sich nicht ausschließen.
Ellas Buch ist noch nicht fertig. Aber man weiß jetzt schon, was man erwarten darf.
Was wir von Ella lernen können
Fang an, bevor du „fertig“ bist. Warten auf den perfekten Moment bedeutet meistens, dass man gar nicht erst anfängt. Der Blog vor dem Buch war für Ella genau die richtige Entscheidung, und vielleicht ist dein equivalent davon längst überfällig.
Planung ist kein Selbstzweck. Wenn der Plan mehr Zeit kostet als das eigentliche Tun, stimmt etwas nicht. Eine einfache Liste, aus der man sich das herauspickt, worauf man gerade Lust hat, kann genauso gut funktionieren.
Ideen gehören raus aus dem Kopf. Egal wie, Notizapp, Zettel, Sprachmemo. Hauptsache sie dümpeln nicht mehr im Hinterkopf und tauchen nicht mehr im ungünstigsten Moment wieder auf.
Schau mal hin, was du wirklich machst. Eine Schreibreflexion, auch nur über einen kürzeren Zeitraum, kann überraschend befreiend sein. Oft macht man viel mehr, als man denkt.
Dranbleiben ist individuell. Dein Rhythmus muss nicht der Rhythmus sein, den irgendwelche Produktivitätsgurus predigen. Er muss zu dir passen, und das reicht vollkommen.
Schau unbedingt auf Ellas Blog vorbei und überzeug dich selbst von ihrer frischen Art, zu schreiben. Ich bin so gespannt auf ihr Buch.

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